Tagung „Bindung – Beziehung – Begegnung“ in Lüneburg

Dr. phil. Jörg-M. Wolters
Tagesklinik KJPP Stade

Abstract des Workshops der Tagung „Bindung – Beziehung – Begegnung“, 1. gemeinsames Treffen der Ärzte für Kinder- u. Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Niedersachsens aus Klinik und Praxis, 26. u. 27.09.2014.

Budopädagogik in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS und regelverletzendem Verhalten

Es wurde die erst seit Mitte der 1990er Jahre entwickelte und somit noch recht junge und im Kontext der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie noch wenig bekannte Behandlungsmethode der BudopädagogikTM von ihrem Begründer1 vorgestellt, die auf vor allem fernöstlichen (Heil-)Verfahren von spezieller „Bewegung, Begegnung und Besinnung“ basiert2.

Die verschiedenen traditionellen Übungen (aus z.B. Yoga, chinesischer Heilgymnastik, Tai Chi, Qi-Gong, Bewegungs- und Kampfkünsten wie Aikido, Judo, Kempo, sowie praktischen „Geist“-Zentrierungen im Sinne des Zen) sind in einem zielgruppenspezifischen Konzept – „Budo“ (jap.: „den Kampf (Bu) durch innere Schulung (do) vermeiden“) – vereint, das gezielt auf die persönlichkeitsfördernde und Verhalten trainierende Schulung der aufgerichteten, aufrechten äußeren und inneren Haltung abhebt.

Budo wirkt, wie vorliegende empirische Untersuchungen deutlich belegen3, weil sein originäres Wesen als vor Jahrhunderten konzipierter und bewährter „Weg der Arbeit an sich selbst“ schon in hohem Maße erzieherisch ist. Seine sechs derart wirksamen „Wesenselemente“ sind Bu (Handwerk, Technik, Selbstbeherrschung), Do (der Weg und seine Ausrichtung auf den Prozess, nicht auf ein Ergebnis, auf Üben, nicht Können), Dojo (der besondere, „heilige“ Ort des Übens und die wohlwollende Gemeinschaft der Gleichgesinnten), Reigi (die Etikette, Regeln, Rituale des Ausdrucks von Wertschätzung), Shitei (die besondere Meister-Schüler-Beziehung) und Zen (das Geistige, „höhere Ziel“, Bewusstheit, Spiritualität)4. Das rechte Arrangement dieser typischen Lernfelder initiiert jene Effekte, die vom Ereignis zum authentischen (am eigenen Leib gemachten) Erlebnis, und mit subjektiv dem zugeschriebener Bedeutung weiter zur wichtigen Erfahrung und schließlich Einstellungen und Verhaltensweisen verändernden Erkenntnis führen5.

Budo-Pädagogik, also der professionelle (durch Ausbildung zu lernende6) Einsatz im eher pädagogischen Sinne will Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung oder neu gewonnener Einsichten und des Verständnisses über die Initiierung von Horizonterweiterung und Kontrasterfahrung bewirken. Das funktioniert über Lernen am Modell (Vorbild), Lernen am Erfolg (Verstärkung), Lernen durch Tun (Exploration, Erfahrung) sowie Soziales Lernen (Lernen mit u. an dem Anderen, Partner) und letztlich durch Lernen und Trainieren durch intensive Übung (Stabilisierung).

Budo im darüber hinausgehenden therapeutischen Sinne will als systematische Behandlung von Krankheiten und Verletzungen, Störungen (hier ADHS und Störung des Sozialverhaltens) zur Heilung oder Linderung der Symptome und Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Funktion beitragen. Dieser Ansatz (aktuell in Niedersachsen mit Alleinstellungsmerkmal der Tagesklinik KJPP in Stade), hatte sich bereits 1992 bis 2000 in der NFKJP Lüneburg mit positiven Ergebnissen bewährt, nämlich mit nachgewiesener Erhöhung des Aktivitätsniveaus und der Motivation, der Steigerung des Selbstwertgefühls und der Frustrationstoleranz, der Verbesserung des sozialen Verhaltens und der sozialen Orientierung, der Erhöhung der Kontrolle der Affekte, Emotionen und der Selbstbeherrschtheit, der Steigerung der Lebenszufriedenheit, des Interesses und der Zuversicht, der Steigerung der körperlichen und psychischen Belastungs- und Leistungsfähigkeit, der Verbesserung des psycho-physischen Gesamtbefindens und der Stabilisierung der psychiatrischen Behandlungserfolge7.

In der hier theoretisch als auch durch gemeinsame praktischen Einzel- und Partner-Übungen vorgestellten Methode wurden in erster Linie die Ziele Achtsamkeit (Gewahrsein,
Konzentration – „Besinnung“), Körperlichkeit (Wahrnehmung, Aktivierung – „Bewegung“) und Regelakzeptanz (Wertschätzung, Kooperation – „Begegnung“) verdeutlicht. Das Ziel
einer dadurch veränderten äußeren und inneren Haltung konkretisiert sich in der Budo-Arbeit an Gesinnung (Werte, Moral, Sittlichkeit, Ethik), Contenance (Selbstbeherrschung, Gelassenheit, Besonnenheit) sowie Einstellung (kognitiv: Annahmen, Überzeugungen; affektiv: Gefühle, Emotionen / Verhalten) und an der Körperhaltung der Patienten.

Der von den Teilnehmern im Workshop gewonnene Einblick in die budopädagogisch-therapeutische Arbeit in der TK Stade schien durchaus ihr Interesse an einer Integration dieses Ansatzes in ihren Kliniken und Praxen geweckt zu haben – ungeachtet der notwenigen Professionalität in Anwendung der Methode.


1 Wolters, J.-M.: Kampfkunst als Therapie; Frankfurt, Bern, New York, Paris, 1992

2 Budopädagogik. Kampfkunst in Erziehung, Therapie und Coaching; Wolters, J.-M. / Fußmann, A. (Hg); Augsburg 2008

3 Dazu die Metastudie: Bloem, J. / Moget, P. / Petzold, H.: Budo, Aggressionsreduktion und psychosoziale Effekte: Faktum oder Fiktion? Forschungsergebnisse – psychologische und neurobiologische Konzepte und Modelle; in: Integrative Therapie 1-2/2004, 101-145

4 Wolters, J.-M./Schröder, J./Schmitz, H.: Budo – Pädagogik; Norderstedt 2014

5 Wolters, J.-M.: Erlebnis – Erfahrung – Erkenntnis. „Körper-Seele-Geist“-Therapie; in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 1/98, S. 130-139

6 Anerkannte berufsqualifizierende Ausbildungen für Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten (und artverwandte Berufe werden durch das Internationale Institut für Budopädagogik (IfBP) in Kooperation mit dem Berufsverband der Budopädagogen (BvBP) in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten; www.budopaedagogik.de

7 Wolters, J.-M. Kampfkunst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie; NFKJP Lüneburg (Hg); Lüneburg 2000. Siehe auch Haffner J, Roos J, Goldstein N, Parzer P, Resch F: Zur Wirksamkeit körperorientierter Therapieverfahren bei der Behandlung hyperaktiver Störungen: Ergebnisse einer kontrollierten Pilotstudie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2006; 1: 37–47.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.